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Fachbeitrag
in der FAZ
04
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09
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2020

"Unternehmen winkt Sparpotenzial"

Die Fachwelt ist sich noch längst nicht sicher: Wird das Homeoffice zum großen Trend, oder kehren wir nach Corona doch wieder zur traditionellen Arbeitswelt zurück - welche Schlüsse ziehen Sie da?

Die Fachwelt ist sich noch längst nicht sicher: Wird das Homeoffice zum großen Trend, oder kehren wir nach Corona doch wieder zur traditionellen Arbeitswelt zurück - welche Schlüsse ziehen Sie da?

Das Homeoffice wird zunehmend eine größere Rolle spielen - davon bin ich fest überzeugt. Und das verändert auch den Büromarkt nachhaltig. Große internationale Unternehmen wie Google und Vodafone fungieren hier als Vorreiter, deutsche Unternehmen ziehen jetzt nach. Siemens will es beispielsweise zukünftig 140.000 Mitarbeitern ermöglichen, an zwei bis drei Tagen in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten. Dabei geht es für die Unternehmen natürlich auch um ein hohes Einsparpotential, denn Büroflächen sind teuer gerade in den Toplagen. In den sieben größten deutschen Städten liegt der Preis je Quadratmeter Bürofläche mittlerweile bei 25 Euro und mehr, in Spitzenlagen in Berlin, Frankfurt und München sogar bei bis zu 40 Euro. Für ein 300 Quadratmeter großes Büro mit 20 Mitarbeitern am Berliner Alexanderplatz entstehen so schnell Kosten von mehr als 100.000 Euro im Jahr.

Welche Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt zeichnen sich aus Ihrer Sicht schon heute sicher ab?

Die Covid-19-Pandemie und der damit verbundene Lockdown werden verändern, wie Wohnraum in Deutschland wahrgenommen wird. Vor der Corona-Krise ging es vorrangig darum, den Raum möglichst optimal auszunutzen, um bei teuren Grundstückspreisen und hohen Baukosten die vermietbare Fläche zu maximieren. Jetzt ist aber deutlich geworden, dass zunehmend andere Konzepte gefragt sind, wie eine flexible Raumnutzung. Bauherren werden versuchen, diese erweiterten Bedürfnisse in neuen Projekten zu berücksichtigen. Wir beobachten zudem, dass die Preise für Wohnimmobilien im ersten Halbjahr weiter gestiegen sind. Von einer Entspannung oder gar einer Preisdelle durch Corona bei Wohnimmobilien kann also nicht die Rede sein. Der Wohnungsmarkt erweist sich gegenüber den Einzelhandels- und Büroimmobilien als robuster. Doch das hohe Preisniveau in den Ballungszentren führt dazu, dass es für viele Menschen schwierig ist, sich Eigentum in Innenstadtlagen zu leisten.

Wo liegen die Entfernungsgrenzen für den Umzug aus der Stadt ins Umland oder gar auf das Land?

Darauf gibt es keine Pauschalantwort. Wichtiger als Kilometerdistanzen sind Anbindungen an den öffentlichen Personennahverkehr und die effektive Wegezeit in die Stadt. Durch den Trend zu mehr Homeoffice wird die Akzeptanz für längere Arbeitswege steigen. Denn wer nur noch zwei- oder dreimal in der Woche pendeln muss, nimmt dafür weitere Strecken in Kauf. Die Corona-Krise kann dafür sorgen, dass die Einzugsgebiete der Städte größer werden. Dennoch muss man beim Umzug aufs Land nach wie vor stark differenzieren: Junge Menschen werden weiterhin eine zentrale, innerstädtische Wohnlage bevorzugen. Ein vielfältiges soziales und kulturelles Angebot ist dieser Altersgruppe nach wie vor wichtiger als eine größere Wohnung oder ein eigener Garten.

Wen macht die Corona-Krise zum Verlierer und wen zum Gewinner in der Immobilienwirtschaft?

Die Corona-Krise hat schon deutliche Spuren im Bereich Hotellerie und Einzelhandel hinterlassen. Wir erwarten aber zumindest für das Hotelsegment eine stufenweise Erholung. Deutlich wird, dass die Nutzungsklasse Wohnen als ,sicherer Hafen“ ein Comeback erlebt und das ,Büro“ als bei Investoren zuletzt bevorzugte Anlageklasse im Bereich Immobilien wieder abgelöst hat. Was die Finanzierung angeht, birgt der Markt aktuell große Chancen für alternative Immobilienfinanzierer abseits der klassischen Banken. Die Banken sind in der Corona-Krise restriktiver geworden, insbesondere bei Gewerbeobjekten werden Abschläge bis zu 30 Prozent bei der Beleihung vorgenommen. Zudem beobachten wir noch längere Bearbeitungszeiten für Kreditanfragen. Natürlich wird weiterhin Kapital benötigt, um Bauvorhaben zu realisieren. Daher sind Projektentwickler häufig bereit, höhere Zinsen alternativer Finanzierungsquellen zu akzeptieren.

Quelle:
F.A.Z. vom 04.09.2020 von Michael Psotta

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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